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Das Schnabeltier ist ein Tier mit Schnabel, das Stachelschwein ein Schwein mit Stacheln und das Stinktier ein Tier, das stinkt. Das Faultier jedoch ist ein faules Tier - dabei hätte man es auch Hängetier, Zotteltier, Singtier oder gar Lächeltier nennen können. Alles an diesem Tier scheint ein Statement zu sein: Es verbringt die meiste Zeit seines Lebens hängend in Bäumen, ist mit seinem von grünlichen Algen bewohnten Fell im Blätterwald kaum auszumachen und führt alles Lebensnotwendige so langsam aus, dass es im Menschen immer wieder krasse Ablehnung provoziert hat. Faul sei es, behauptet sein Name in etlichen europäischen Sprachen, »hässlich«, urteilt Hegel, »mangelhaft« Buffon. Wie kaum ein anderes Tier der sogenannten Neuen Welt bringt es Kategorien durcheinander und scheint darüber – mit durchaus menschenähnlichem Antlitz – fortwährend zu lächeln. Erst die Gegenwart findet im Faultier das Sinnbild für ein entschleunigtes Leben und für Kapitalismuskritik. Tobias Keiling und Heidi Liedke folgen dem brisanten Einfluss des trägen Tiers auf die europäische Moralphilosophie, Natur- und Kulturgeschichte von den Anfängen bis heute, da es uns als Sinnbild eines entschleunigten Lebens zeigt: Es geht auch anders.


