Es gibt Menschen, die das Schicksal vieler Generationen in sich zu sublimieren scheinen und deren Leben der Schlußstrich unter eine lange Entwicklung bedeutet. So ein Mensch ist Semjon Semjonowitsch Tschugujew. Seine Tragödie ist die Tragödie Hamlets, die Tragödie des fehlenden Willens. Er gehört zu jenen Menschen, die von Geburt an sehen, wo das Licht ist und sich mit traumwandlerischer Sicherheit, wenn auch ständig stolpernd, darauf zubewegen.Als Kind wird er von seiner Heimat und seinen Eltern getrennt und kommt Mitte der zwanziger Jahre zusammen mit seiner Tante nach Berlin, wo ihm die Emigrantenschule, die er nicht beenden kann, und harte Arbeit um des täglichen Brotes willen bevorstehen. Er ist keineswegs dumm, sein Charakter ist edel und gut, er glaubt an die menschliche Anständigkeit und steht daher Intrigen und Niederträchtigkeiten vollkommen hilflos gegenüber. Er kann sich nicht vorstellen, daß jemand ein anderes Motiv für sein Handeln haben kann, als das, was er vorgibt.Im entscheidenden Augenblick jedoch findet er stets die Energie, das ihn umschlingende Netz zu zerreißen, wenn dies auch an seinen Lebenskräften zehrt und vielleicht die Ursache für seinen frühen Tod ist.Aus dem schöpferischen Quell seiner Güte hilft er gerade solchen Menschen, die jemand, der über mehr Egoismus verfügt, übergeht.*Esslinger Zeitung, 21.12.1981:Die Titelfigur wird mit viel Einfühlungsvermögen und lebendig in- und auswendig sichtbar gemacht. Roman eines Könners.