Blut und Kristall
2023
Lenya Elrick
Ich bin Kelda Folkholm und ich allein bestimme meinen Weg.
Seit ihrer Geburt führt Kelda ein Leben am Rande der Gesellschaft. Knochenharte Arbeit bis zur Belastungsgrenze und wilde Nächte in fremden Betten bestimmen den Alltag der misshandelten Waise. Doch Kelda sieht einen Sie will die große Jagdprüfung ihres Clans gewinnen, zur Schutzgeistträgerin werden und endlich in Freiheit leben. In ihrem Eifer rettet sie einem verfeindeten Elfen das Leben – eine Begegnung, die ungeahnte Wellen schlägt.
Als Thaleris immer heftiger von den dunklen Verdorbenen heimgesucht wird, muss Kelda ausgerechnet mit dem überirdisch schönen, aber arroganten Elfen zusammenarbeiten, der ihr seine Rettung noch immer übel nimmt. Schon bald scheinen ihre alten Träume nicht mehr so verlockend, wie sie es einst waren, und ganz neue Sehnsüchte zwingen sie zu einer schweren Entscheidung.
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Ich beschloss, keine Schwäche zu zeigen, und hielt seiner Musterung stand. »Was wollt Ihr von mir?«, fragte ich geradeheraus und kam mir dabei sehr mutig vor.
Er näherte sich mir noch mehr – was ich kaum für möglich gehalten hatte – und deutete mit dem Finger auf mich. »Woher wusstet Ihr das?«
Ich wich nicht zurück. »Woher wusste ich was?«
»Wo Ihr zustechen müsst.«
Selbst wenn ich gewollt hätte, hätte ich ihm diese Frage nicht beantworten können. Ich verstand selbst nicht, was da gerade mit mir passiert war. Abgesehen davon war er der Letzte, dem ich irgendetwas darüber verraten würde. Also zuckte ich unbeteiligt mit den Schultern. »Ich wusste es einfach.«
Er sah mich noch einige Sekunden an, bevor er endlich einen Schritt zurücktrat. »Also hat Euer Volk Erfahrung mit den Avari.«
Ich runzelte die Stirn. »Avari?«
Der Elf seufzte und zeigte auf die stinkende Leiche neben mir. »Wir nennen sie Avari. Ich vermute, bei euch sind sie unter einem anderen Namen bekannt.«
»Ja«, krächzte ich. »Verdorbene.«
Er zog die Augenbrauen hoch. »Für eine Frau seid ihr wirklich sehr versiert im Umgang mit diesen Biestern.«
» Für eine Frau? « Mir entwich ein entrüstetes Schnauben. »Seid versichert, Elf, dass ich mit Monstern aller Art bestens zurechtkomme.« Es war eine unterschwellige Warnung. Und genauso fasste er es auf. Seine Augen wurden schmal. »Und im Übrigen hat Euch diese Frau gerade das Leben gerettet«, fügte ich hinzu. »Ihr solltet das Maul vielleicht nicht so aufreißen.«
Nun war er derjenige, der überrascht die Luft einsog. Er beugte sich ganz leicht nach vorne, und seine Augen trafen meine. »Ihr habt ein ziemlich loses Mundwerk.«
»Und Ihr ... Ihr seid echt ...«, ich knirschte mit den Zähnen, »... groß.«
Seine Mundwinkel zuckten. Dann lief er los, den Blick suchend ins Gras gerichtet. Ich nutzte die Gelegenheit, ihn mir etwas genauer anzusehen.
Seine Brust war breit, aber eher auf die athletische und weniger auf die übertrainierte Art, wie ich es schon bei den Kriegern des Frostsäblerclans gesehen hatte. Er trug eine Lederrüstung, die auf Bauchhöhe aufgerissen war und mehr von seinem Oberkörper preisgab, als mir lieb war. Seine Arme waren zum Teil mit ledernen Schutzplatten verkleidet. Er schien gefunden zu haben, wonach er gesucht hatte, denn er blieb unvermittelt stehen. Mit dem Fuß vollführte er eine Bewegung, woraufhin ein zweites Schwert, das dem anderen zum Verwechseln ähnlich sah, in seiner Hand landete.
Er wandte sich zu mir um.
Reflexartig stürzte ich rückwärts. »Bitte nicht«, hauchte ich, mir meiner Unterlegenheit mehr als bewusst.
Seine Augenbrauen zogen sich zusammen, aber er machte keine Anstalten, sich mir zu nähern. »Eben sagtet Ihr noch, Ihr würdet mit Monstern aller Art fertig.« Er legte den Kopf schief. »Was denkt Ihr, was ich mit Euch tun werde?«
Ich sah ihn an. »Mich töten? Das tut ihr Elfen doch so gern.«
Der Auftakt der neuen High Fantasy-Reihe!
Teil 2 "Kupfer & Asche" erscheint im Jan. 2024