Autor Lutz Büge wagt ein Experiment in mehrfacher Hinsicht: er verknüpft drei Handlungs- und Erzählstränge, die in drei verschiedenen Welten und Zeiten spielen, er versucht sich an einer Neuinterpretation von Dickens Drood-Geschichten und er konstruiert aus dem Fall Drood die erste schwule Kriminalerzählung der englischen Literatur. Um es gleich vorweg zu sagen: Das Experiment ist Büge nur halb gelungen. Der Fall Edwin Drood kann durchaus neue Pflichtlektüre für Anglistikstudenten und Experten der englischen Literatur werden. Aber das Buch taugt nicht als kurzweilige Lektüre für den lauen Sommerabend oder als romantische Gutenachtgeschichte im Stil einer Rosamunde Pilcher, wie das kitschige Cover dem Käufer einzureden versucht. Zum Hintergrund: Als Charles Dickens 1870 an einem Schlaganfall stirbt, hinterlässt er das unfertige Manuskript von The Mystery of Edwin Drood. Drood ist eine Art Oliver Twist, lebt auf dem Land, umgeben von puritanisch-angelsächsischer Strenge des Dorflebens und weltläufiger Vielfalt des nahen London. Eines Tages verschwindet Edwin Drood. Ist er einem Verbrechen zum Opfer gefallen? Dickens hatte The Mystery of Edwin Drood als Fortsetzungsgeschichte für Tageszeitungen konzipiert. Seit seinem Tod ranken sich zahlreiche Legenden um den Fall Drood. Literarische Zirkel diskutieren Lösungsversuche, Dickens-Forscher versuchen sich an einer wissenschaftlich nachweisbaren Entschlüsselung. Der letzte Versuch wird 2001 in Deutschland von Ulrike Leonhardt vorgelegt. Lutz Büge erzählt seine eigene Fortsetzung des Falles Drood. Dies mischt er—in kursive Schrift gesetzt—mit der Übersetzung von Dickens Originaltext. Dabei lehnt sich Büge meisterhaft an Duktus und Semantik Dickens an, benutzt aber die heute aktuelle Sprache. Zu diesen zwei Erzählsträngen fügt Büge eine eigenartig halb-wissenschaftliche Verhörgeschichte dazu, ganz im Stile der Diskussion literarischer Zirkel im England des 19. Jahrhunderts. Er mischt schwulen Slang von heute mit englischer Ausdrucksweise von 1870. Genau hier liegt das Problem der Erzählung Der Fall Edwin Drood: die Sache wird unübersichtlich, sprachlich wirr und das an sich genial herbeigeführt Ende zerfällt im Nichts. Der Fall Edwin Drood taugt für Leser mit Lust am Experiment, die auch mal ein Buch lesen, das gut gemeint, aber nicht ganz gelungen ist. —Martin Kilgus